Juli

Verständnis für Neo-Nazis?

Zu den psychologischen Hintergründen rechter Gewalt

„Mit liebevoller Toleranz und verständnisvollem Entgegenkommen werden wir gewalttätige Rechtsradikale und Neo-Nazis nicht besänftigen können. Aus der Forschung mit geschändeten und misshandelten Kindern ist bekannt, dass diese auf liebevolles Entgegenkommen mit Hass und Gewalt reagieren. Durch ihre Idealisierung derer, die Gewalt ausüben, werden Liebe und Wärme zu etwas, das inneren Terror auslöst. Die Verachtung des Liebevollen ist eine Abwehrreaktion. Diese Abwehr von Zärtlichkeit zeigte sich auch im Verhalten von Nazis, die Dicks (H.V. Dicks: Licensed Mass Murder: A Socio-Psychological Study of some SS Killers, Heinemann: London 1972) untersucht hatte.

Liebe und Wärme werden mit Verachtung bestraft. Sozial engagierte Menschen, die Gewalttätigen und Rechtsradikalen „verständnisvoll“ beizukommen versuchen, werden nicht nur enttäuscht. Sie müssen auch damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden Hass und Gewalt sind jedoch auch nicht die geeigneten Gegenmittel. Im Umgang mit hasserfüllten Menschen gilt es vor allem, konsequent zu sein. Das heißt: Grenzen setzen! Das ist die einzige Sprache, die Menschen ohne innere Identität verstehen. Wer ihnen helfen möchte, braucht eine innere Autorität. Er muss die Gewissheit haben, dass Hass und Gewalt menschenunwürdig sind. Die autoritäre Pose von Menschen wie Hitler beruht dagegen auf der Notwendigkeit, den Fremden in sich zum Unmenschen zu erklären, um ihn töten zu können.

Die innere Autorität basiert auf dem sicheren Bewusstsein einer Gemeinsamkeit im Menschsein. So akzeptieren wir den andren, ohne jedoch sein Verhalten zu billigen. Nur so können wir ihm seine Grenzen klar zu verstehen geben! … Am Anfang muss das bedingungslose Nein zu der Gewalt stehen. Sobald wir uns auf Diskussionen einlassen, wird uns derjenige der voller Hass und Gewalt ist, als Schwächling abtun und sich mit seinem Begehren im Recht fühlen. Als in der deutschen Gesetzgebung die Rechte für Asylanten eingeschränkt wurden, hatte das eine Zunahme von Anschlägen auf Asylanten zur Folge. Die Fremdenhasser sahen in dem neuen Gesetz eine Legitimierung für ihren Hass.“

Aus dem Kapitel „Was können wir tun“? in Arno Gruen: Der Fremde in uns. 6. Auflage, Klett-Cotta 2002, 204f.