März

Wo deutsche Waffen landen und was sie anrichten

„Als Offizier des Siad-Barre-Regimes hat Ahmet Hassan Aden seinen Dienst in Äthiopien und in Nordsomalia verrichtet. Neben den Handfeuerwaffen aus Russland und den USA gehört das G3- Gewehr zur Standardausrüstung bei den Flugabfangjägern und den Logistikbataillonen in den Hauptquartieren von Berbera und Hargeisa. In der Provinzhauptstadt Hargeisa verfügt jedes der beiden Bataillone der Regierungsarmee über hundertzwanzig G3-Gewehre, mehr als nötig für die jeweils achtzig Soldaten. ‚Die überschüssigen G3 haben wir in die Lagerhäuser verfrachtet‘, erklärt Aden. Aber auch noch weitere Regierungseinheiten im Norden Somalias setzen die von der Firma Heckler & Koch (H&K) entwickelte Waffe ein, so dass es insgesamt ‚weitmehr als diese 240 G3-Gewehre‘ in der Region gibt.

Im Vergleich zu den US-Gewehren M14 und M16 und der russischen AK-47 hat das G3 allerdings ein paar Nachteile. »Der Mechanismus zur Patronenbeförderung ist anfällig«, erklärt Ahmet Hassan Aden. »Wenn das G3 geladen ist, kann sich der Sicherheitshebel lockern, dann ist die Waffe unberechenbar. Vor allem aber machen Staub, Regen und Wasser dem G3 zu schaffen.

« Ohne Zweifel ein Problem in den ländlichen Gegenden Somalias, wo der Wind in der Trockenzeit den Sand aufwirbelt und in der Regenzeit plötzlich Oberflächenwasser im Überfluss vorhanden ist. ‚Weder bei Staub noch bei Feuchtigkeit kannst du dich hundertprozentig auf das G3 verlassen‘, moniert der frühere Regierungssoldat.

Trotzdem ist das G3 heiß begehrt. ‚Die Vorzüge des G3-Gewehrs liegen in seiner immensen Reichweite. Bis achthundert Meter verfügt das G3 über eine gute Zielgenauigkeit und damit über eine optimale Schussqualität‘, berichtet Aden. ‚Beim Töten ist das G3 bis zu einer Entfernung von tausendfünfhundert Metern nützlich.‘ Und selbst wenn das Schnellfeuergewehr auf größere Entfernungen nicht mehr tötet, ‚die Kugeln fliegen noch viel weiter‘. Das sind waffentechnische Vorteile, die die staatlichen Sicherheitskräfte im Bürgerkrieg zu schätzen wissen.

Der … Polizeichef Abdulle weiß, ‚dass das G3 im Bürgerkrieg von Derwischen eingesetzt wird‘. Und er hat keine Zweifel, wo die Schnellfeuergewehre für die Mobile Einsatzpolizei hier in Nordsomalia her sind: ‚Ich glaube, dass neunundneunzig Prozent der G3-Gewehre der Derwische von uns aus dem Süden gekommen sind.‘ Kein Wunder, dass Abdulle so gut informiert ist: Der Süden heißt Mogadischu, bei den Lieferanten handelt es sich um seine eigenen Polizeieinheiten in der Landeshauptstadt. Dort ‚haben die meisten von uns deutsche G3- oder FAL-Gewehre besessen‘, ehe die Waffen an die Derwische geliefert worden sind.

Der Polizeichef schätzt die Qualitäten der H&K-Waffe. Oft reicht schon ‚eine kleine Einheit der Mobilen Polizei mit ihren G3- und FAL-Gewehren gegen eine ganze Militäreinheit aus, die nur mit AK-47 bewaffnet ist. Die Kalaschnikow ist längst nicht so wirkungsvoll wie das G3‘, sagt er, deshalb müsse die Guerilla extrem vorsichtig vorgehen. ‚Wenn die SNM-Kämpfer den Klang des G3 oder der FAL hören, wissen sie sofort, dass die Mobile Polizei der Derwische im Einsatz ist. Die Derwische sind ausschließlich mit G3 oder FAL ausgerüstet.‘

Wenn Abdulle daran denkt, was in diesen Tagen in Hargeisa passiert, ist er verzweifelt. ‚Natürlich haben die Derwische die Leute in großer Zahl mit ihren G3- und FAL-Gewehren umgebracht. Nicht einmal Hitler hat das eigene Volk zusammenschießenlassen. Siad Barre ist verrückt‘.“

Aus: Jürgen Grässlin Versteck dich, wenn sie schießen
Die wahre Geschichte von Samiira, Hayrettin und einem deutschen Gewehr
2003 bei Droemersche Verlagsanstalt
Th. Knaur Nachf., München