September

Verteidigung der Heimat

„Muss Heimat immer rückwärtsgewandt sein …? Ja, jedenfalls, wenn sich der Begriff Heimat unauflöslich mit einem „Wir“ verbindet. Dann bedeutet dieses „Wir“ immer einen Gegensatz zu „anderen“, und Heimat fungiert auch und vor allem als politischer Kampfbegriff, wo ein Kollektiv Ansprüche gegen andere, Fremde verteidigt. Solche Heimat definiert Zughörigkeit und damit auch immer, wer nicht dazugehört.

Einen solchen Heimatbegriff … kann es im Geltungsbereich des Grundgesetzes nicht geben.

Lassen Sie uns das Positive am Heimatbegriff retten und gegen die verteidigen, die bei allem Reichtum und bei aller Lebenssicherheit meinen, ihn gegen andere, die Ärmsten und Hilflosesten überhaupt, verwenden zu können.

Die meisten heute lebenden Deutschen stammen aus Familien, in denen irgendwann einmal jemand flüchten musste, ein Urgroßvater wegen religiöser Verfolgung, eine Großmutter wegen Vertreibung, ein Elternteil wegen eines unmenschlichen Systems. Sie alle haben von den Härten der Flucht erzählt, aber auch von den Menschen, die ihnen geholfen haben. Mein Vater war übrigens ein unbegleiteter jugendlicher Flüchtling, 1945.

Wollen Sie wissen, was meine Definition von Heimat ist? Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.“

Auszüge aus dem Essay „Was ist Heimat?“ von Harald Welzer in der deutschen Ausgabe von „National Geographic“ vom Juli 2018. Prof. Dr. Harald Welzer ist Sozialpsychologe, Autor mehrerer Sachbuch-Bestseller und Direktor der Stiftung „Futur Zwei“.

www.futurzwei.org