Dezember

Staatlich sanktioniertes Greenwashing

Das neue Ökosiegelportal der Bundesregierung

„…Der eigentliche Witz an Unbedenklichkeitssiegeln ist: Man braucht sie vor allem für Produkte, deren Herstellung grundsätzlich ökologisch und sozial verheerend ist. Der Apfel vom Hofladen kommt auch ohne Ökoplakette aus.

Von den Großkonzernen haben sich so gut wie alle mit Siegeln eingedeckt. Die Unternehmen erwecken so den Anschein, vor allem mit Weltrettung beschäftigt zu sein, und der Konsument erkauft sich ein gutes Gewissen. Solange alle Beteiligten nicht zu streng zueinander sind, funktioniert das System fabelhaft.

Auch das Portal der Bundesregierung wird dieses Spiel nicht stören. Es bewertet die Siegel nach drei Kriterien: Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit und Sozialverträglichkeit. Sind zwei dieser Kriterien erfüllt, erhält das Siegel das Prädikat ‚Gute Wahl!‘.

So wird etwa die umstrittene Industrieinitiative Better Cotton für konventionelle Baumwolle als ‚Gute Wahl!‘ geadelt, obwohl sie gentechnisch verändertes Saatgut erlaubt. Solche Mängel werden nicht einmal kenntlich gemacht. Man wolle, so formuliert es die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die das Projekt für die Bundesregierung betreibt, kein Siegel ‚abstrafen‘, sondern durch ‚transparente Darstellung Entscheidungshilfen‘ geben.

Nebenbei gibt die Regierung zu, dass sie ‚keine Vor-Ort-Prüfungen‘ durchführt. Man könne ‚keine Aussagen darüber treffen, welche Wirkungen vor Ort tatsächlich erzielt werden‘. Ist es überzogen, wenn man da von staatlich sanktioniertem Greenwashing redet?…“

Auszüge aus dem Essay „Nachhaltigkeits-Blabla“ von Kathrin Hartmann in DER SPIEGEL Nr. 38 vom 12. September 2015