März

Schleuser, Biedermänner und Brandstifter

„Es geht nun wieder los, das Sterben auf dem Mittelmeer, so früh im Jahr wie noch nie. Begleitet wird es vom Chor der Empörten, die gar nicht aufhören mögen, ihrem Abscheu über das ‚Schlepper-Unwesen‘ Ausdruck zu geben, wie es der bayerische Innenminister Joachim Herrmann bei jeder Gelegenheit tut. Kriminell, gewissenlos, skrupellos, brutal, menschenverachtend – kein Adjektiv ist zu scharf, als dass Politiker es den Menschenschmugglern nicht hinreiben würden.

Je lauter da gegeifert wird, desto mehr drängt sich ein Verdacht auf. Ablenkungsmanöver kennt man aus der Kriegsführung, man kennt sie auch aus der Politik, sie sind ein bewährtes Mittel der Irreführung. Mit dem Zeigefinger auf den anderen deuten, damit keiner auf die Idee kommt, man selbst sei der Übeltäter – so einfach funktioniert das, und derzeit hat die Methode wieder mal Konjunktur.

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Beispiel Syrer. Die bekommen in Deutschland derzeit zu Recht nahezu alle Asyl, weil sie vor einem mörderischen Krieg geflohen sind. Manche holt man sogar mit Flugzeugen ins Land. An ihrer Berechtigung, hier bei uns Schutz zu suchen, kann es keinen vernünftigen Zweifel geben. Und doch überlässt man ungerührt die große Mehrheit von ihnen den Todesrouten, den Schleppern, den Gefahren, den Traumata und der Ungewissheit, ob sie es bis nach Europa schaffen oder ob sie auf dem Meer ersaufen oder erfrieren.

Und wieso nicht auch Afrikas Migranten endlich Wege nach Europa öffnen? Dass man sie hier gut gebrauchen kann, ist längst eine Binsenweisheit. Das alte Deutschland, dessen Bevölkerung tendenziell immer weniger wird, kann schon länger seine Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Einlass gewähren, zu fairen Bedingungen beschäftigen, es wäre ein großer Beitrag zur Reduzierung von Elend, zur Stabilisierung der Sozialkassen und letztlich auch zur Entwicklung Afrikas.

Lauter Vorteile, aber Europas Politiker, die deutschen vorneweg, bleiben ihrem Abschottungsdenken verhaftet und werden nicht müde, das Publikum für dumm zu verkaufen und ihm zu erklären, wie dringlich es sei, den Schleusern das Handwerk zu legen. Es würde schon reichen, wenn man es überflüssig machte, aber manchmal hat man leider den Eindruck, als sei die Pegidaisierung ein schleichendes Gift, gegen das auch die Politik nicht immun ist.“

Auszüge aus dem Kommentar ‚Wie man ein skrupelloses Gewerbe zur Blüte bringt‘ von Stefan Klein in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ vom 13. Februar 2015