Nürtinger Zeitung / Wendlinger Zeitung 3.5.2006

Für Anleger mit ethischem Bewusstsein

Dr. Eduard Belotti gab bei den Nürtinger Energietagen Einblicke in ethisch-ökologische Geldanlagen

NÜRTINGEN. Vor zwanzig Jahren passierte es: In Tschernobyl kam es zum GAU, als einer der Reaktoren in Brand geriet. Die Auswirkungen waren weltweit nachmessbar. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Diskussion entfacht um die Nachhaltigkeit von Industrie- und Konsumprodukten. Nicht nur die Produktion und der Im- und Export von Energie wurde vor diesem Hintergrund kritisch beleuchtet. Ist Baumwolle pestizidbelastet? Wurde das Produkt durch Kinderarbeit hergestellt? Auch solche Fragen werden gestellt, wenn es um mehr Nachhaltigkeit geht. Das führte auch zu einer erhöhten Nachfrage für nachhaltige Geldanlagen. Der Markt dafür boomt. Um Interessenten einen Überblick zu verschaffen, stellte Dr. Eduard Belotti in der Glashalle des Nürtinger Rathauses bei der letzten Veranstaltung einige ethisch-ökologische Anlagekonzepte vor.

belotti_nuertingenStrom kommt aus der Steckdose, aber wie kommt er da hinein?“, begann der freiberufliche Anlagenberater seinen Vortrag, der im Rahmen der Nürtinger Energietage stattfand. Bei der Geldanlage könne man manche Überraschung erleben, denn die Möglichkeit, dass sich in einem Aktienfonds auch Anteile von Rüstungsfirmen befänden, sei nicht unwahrscheinlich. Transparenz bei Kapitalanlagen, so Belotti, sei daher ein wichtiger Entscheidungsfaktor.

Aber auch für ethisch-ökologische Konzepte gelte, dass der Anleger möglichst umfassend über die Risiken der Investition informiert werden müsse. Zunächst stellte er ein Modell mit größter Transparenz vor. Bei Wind-, Solar- oder Biogas-Beteiligungen seien bereits die Unterlagen für Anleger sehr detailliert. Betreiber von Windkraftanlagen müssten beispielsweise Rentabilitätsprognosen erarbeiten, die auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren ausgelegt sind. Dies sei im Gesetz für erneuerbare Energien festgelegt, das auch vorschreibe, dass Netzbetreiber diese ökologisch erzeugte Energie zu einem über 20 Jahre festgelegten Preis abnehmen müssten.

Das in eine solche Windkraftanlage investierte Geld zähle zum Eigenkapital der Firma, in der die Anleger als Kommanditisten eingetragen seien. Der Kommanditist hafte mit dem von ihm eingebrachten Geld. Zusätzlich nehme der Betreiber Fremdkapital bei Banken auf. Nach Abzug der laufenden Kosten für den Unterhalt der Windkraftanlage und der Forderungen der Banken werde dann über den Rahmen der Ausschüttung entschieden. Durch die höheren Abschreibungskosten in den ersten Jahren seien die Gewinnausschüttungen zunächst geringer, stiegen aber kontinuierlich und könnten nach 15 Jahren durchaus bei dreißig Prozent jährlich liegen. Über die gesamte Laufzeit könne so eine Rendite von 280 Prozent zusammenkommen.

Belotti räumte ein, dass Beteiligungen an Windparks recht kompliziert seien. Der Standort sei wichtig, wobei nicht nur Spitzenstandorte für gute Beteiligungen sprächen. Wenn die Windprognose sorgfältig abgeschätzt wurde, könne auch ein Standort im Binnenland eine gute Investitionsmöglichkeit bieten. Da bei diesen Windprognosen in der Vergangenheit viele Fehler gemacht wurden, riet Belotti den potenziellen Anlegern, vor einer Entscheidung mindestens zwei Gutachter zu konsultieren. Falle deren Bewertung sehr ähnlich aus, steige die Gewissheit einer seriösen Investition

Belotti widmete sich auch den Anleihen und Genussscheinen, die er in die Kategorie der mittleren Transparenz einordnete. Hier leihe sich eine Firma Geld bei den Anlegern und zahle Zinsen und Ausschüttungen dafür. Die Investition sei zeitlich begrenzt, nach deren Ablauf erhalte man das eingesetzte Kapital zurück. Das Risiko bei dieser Anlageform liege darin, dass man nicht genau wisse, wohin das Geld fließt. Bei ethisch-ökologischen Projekten gehe es oft in Hochrisikoländer, die nach militärischen Auseinandersetzungen hohen Kapitalbedarf für den Wiederaufbau hätten. Aber auch Gewerbetreibende und Banken in Entwicklungsländern würden unterstützt.

In die dritte Kategorie stufte Belotti Investmentfonds ein. Hier kämen Aktien oder Anleihen von Firmen oder Staaten in einen Wertpapieretopf. Zwar werde der Anleger darüber informiert, welche Aktien oder Anleihen sich in seinem Fond befinden, dennoch wisse man oft nicht genau über die Aktivitäten der Firmen Bescheid. Bei der sozial-ökologischen Geldanlage nähmen der Fondsmanager oder ein Anlagenausschuss der Investmentgesellschaft diese Firmen genauer unter die Lupe und schlössen diejenigen aus, die nicht den ethischen und ökologischen Ansprüche genügten. Nicht mit von der Partie sei daher die Rüstungsindustrie, aber auch Firmen, die von Kinderarbeit oder Pornographie profitierten.

„Geldanlage ist Vertrauenssache“, schloss Belotti. „Räumliche Nähe zu einem Projekt oder die Beratung durch Bekannte ist jedoch keine Garantie gegen Verluste.“ Er riet den Zuhörern, sich selbst gut zu informieren oder das Gespräch mit einem neutralen Berater zu suchen. Die anschließende Diskussion zeigte, dass Belottis Informationen vor allem auch im Hinblick auf die in Nürtingen angestrebte Energiewende interessant sein könnten.

SYLVIA GIERLICHS, 3.5.2006 www.ntz.de