Monsanto’s „Experten“

Die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in der EU wäre eigentlich Ende 2015 ausgelaufen. Die IARC, die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte im März 2015 das Mittel als „vermutlich krebserregend“ eingestuft und überdies von starken Beweisen für seine Gentoxizität gesprochen. Das hätte nach der EU-Pestizidverordnung von 2011 eine Verlängerung der Zulassung ausgeschlossen. Denn für krebserzeugende oder erbgutschädigende Mittel kann eine Zulassung nicht erteilt werden („gefahrenbasierter Ansatz“). Die Entscheidung wurde nach heftigem Ringen hinter den Kulissen zunächst um sechs Monate verschoben und die Zulassung dann provisorisch um 18 Monate (anstatt der beantragten 15 Jahre) bis Ende 2017 verlängert.

Nun hat die europäische Chemikalien-Agentur ECHA in Helsinki am 15. März Entwarnung in Bezug auf die Krebsgefahr gegeben. Die Glyphosat-Task-Force, ein Zusammenschluss der Glyphosat-Hersteller, hat ECHA zuvor Daten geliefert. Sie durften zudem die Risikobewertung vorab einsehen und kommentieren. ECHA bestritt zunächst eine Vorab-Stellungnahme der Industrie vor Bekanntgabe ihrer Entscheidung erhalten zu haben, musste dies aber zwei Tage später zugeben. Die Nichtregierungs-Organisationen mussten ihre Kommentare bis 18. Juli 2016 vorlegen. Diese wurden dann auf der Web-Seite der ECHA veröffentlicht. Der Kommentar der Industrie erscheint dort nicht. Zur Begründung sagte die Behörde, dieser sei erst nach der Frist eingegangen (Wie die Industrie bei Glyphosat Behörden beeinflussen will, Süddeutsche Zeitung vom 28. März 2017).

Dies ist aber ein Verstoß gegen die Transparenz, die die ECHA sich eigentlich selbst zur Pflicht gemacht hat.

Monsanto: Geschäftsgeheimnis statt wissenschaftliche Diskussion

Mit Transparenz haben die Hersteller von Glyphosat ihre Schwierigkeiten. Sie betrachten die von ihnen erstellten Studien als Geschäftsgeheimnisse und setzen sie nicht der sonst in der Wissenschaft üblichen (und unentbehrlichen) Kritik durch andere Wissenschaftler aus (Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017).

Bundesinstitut für Risikobewertung: Vertrauen statt Kontrolle

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte in vier Hersteller-Studien (je zwei Krebsstudien mit Ratten und Mäu­sen) „keine ausreichenden Beweise für eine kreb­serregende Wirkung“ von Glyphosat finden können – im Gegensatz zur Krebsforschungsagen­tur IARC. Daraufhin erhielt das BfR den Auftrag, die Bewertun­gen der IARC zu evaluieren – und musste der IARC Recht geben: in allen vier Studien gab es statistisch signifikante Erhöhungen der Tumorhäufigkeiten.

„Als Erklärung für diese kolossale Fehlleistung räumte die Behörde ein, sie habe ‚ursprünglich auf die mit den Studien der Hersteller mitgelieferten statistischen Auswertungen vertraut‘. Besondere Brisanz erhält dieses Versagen der deutschen Behörde durch den Umstand, dass der gefahren-basierte Ansatz in der EU-Pestizid­verordnung die Zulassung eines Wirkstoffes un­tersagt, sobald positive Krebsbefunde in mind­estens zwei Tierstudien vorliegen“ (Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017).

Ghostwriter Monsanto

Das Vorgehen von Monsanto bei der Zulassung des Mittels in den USA wurde jetzt öffentlich. Vor einem Gericht in Kalifornien klagen 60 Personen in 15 Verfahren gegen Monsanto. Sie leiden entweder selbst am Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) oder haben Angehörige durch diese Krebsart verloren. Sie machen Glyphosat und Roundup dafür verantwortlich. Hunderte weiterer Verfahren sind in anderen Teilen der USA anhängig. Die Kläger sind häufig Landwirte, die mit dem Gift umgingen.

Ein Gericht machte Mitte März interne Dokumente und e-mails von Monsanto öffentlich. In einer Mail vom 19. Februar 2015 heißt es in Bezug auf Studien zu Schädlichkeit von Roundup: „Wir könnten die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben übernehmen und sie (gemeint sind die Wissenschaftler würden nur bearbeiten und mit ihrem Namen zeichnen, sozusagen.“ Dies sei bei einer Studie aus dem Jahr 2000 schon einmal so gehandhabt worden (Die Monsanto-Mails. Süddeutsche Zeitung vom 1./2. April 2017, Wirtschaft).

Bereits bei der Zulassung in den USA vor mehr als 30 Jahren kam es zu seltsamen Vorkommnissen. Zunächst wurde die krebserzeugende Wirkung des Wirkstoffs in einem Versuch mit Mäusen gefunden. Der Wissenschaftler Marvin Kuschner, der wie sich später herausstellte der „Biohazard –Gruppe“ von Monsanto angehörte, wertete die Daten nochmals aus und behauptete, einen Tumor auch in der Kontrollgruppe von Tieren, die nicht mit Glyphosat behandelt wurden, gefunden zu haben. Danach wäre der Effekt nicht mehr statistisch signifikant gewesen. Während von der Umweltbehörde beauftragte Pathologen in den Gewebeschnitten von dem Kontrolltier keinen Tumor erkennen konnten, bestätigten solche, die von Monsanto beauftragt wurden, Kuschners Befund. Nach einigem Hin und Her akzeptierte die Umweltbehörde die Sicht der Monsanto-Pathologen und revidierte die Einstufung von Glyphosat als krebserzeugend (Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017).

Ein professioneller Entwarner als unabhängiger Experte

Nachdem die neue Pestizidverordnung der EU festlegt, dass  Zulassungsanträge im Unterschied zur bisherigen Praxis außer den industrieeigenen Studien auch die öffentliche und unabhängige wissenschaftliche Literatur zu dem Wirkstoff enthalten muss, beauftragten die Hersteller eine Reihe von Autoren mit der Erstellung von Übersichtsartikeln über diese Literatur.

Einer der Autoren dieser Artikel ist der Professor im Ruhestand Helmut Greim. Greim ist in einer Vielzahl von industrienahen Expertengruppen tätig und gibt grundsätzlich Entwarnung bei Gesundheitsgefahren gibt, gehe es nun um PCB, Dioxin, Stickoxide oder eben Glyphosat.

Trotz seiner Industrienähe wurde er 2015 von der als CDU/CSU-Fraktion als „unabhängiger“ Experte in den Landwirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestags eingeladen, als es um die Schädlichkeit von Glyphosat ging, die er auch prompt bestritt (Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017). .

Co-Autor ist ein Mitarbeiter von Monsanto, David Saltmiras. Die Autoren geben in ihrem Übersichts-Artikel sehr viele Studien ohne Bezug zu Glyphosat wieder. Die Ergebnisse von fünf Studien, in denen signifikanten Erhöhungen von Krebshäufigkeiten bei Ratten und Mäusen unter Glyphosateinfluss nachgewiesen wurden, erwähnten sie entweder nicht oder stellten sie falsch dar. Auf diese Weise kamen sie zu dem Schluss, Glyphosat sei unbedenklich. Auch für das Thema Gentoxizität verfügt Monsanto über einen „unabhängigen“ Experten – David Kirkland (Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017).

Ein empörendes Fazit

Aussagen zur Toxizität eines Wirkstoffs können aus Tierversuchen, epidemiologischen Daten und möglichen Mechanismen für die Entstehung von Krebs gewonnen werden.

„Im Fall von Glyphosat ergänzen die verschie­denen Beweislinien einander. Der wiederholt signifikante Anstieg von Lymphdrüsenkrebs im Mausexperiment passt zu der in epidemiol­ogischen Studien festgestellten Häufung von Lymphdrüsenkrebs (Non Hodgkin Lymphom) bei Menschen, die Glyphosat anwenden. Das Ganze wird von überzeugenden Belegen für Gentoxizität und oxidativen Stress als mögliche zugrunde liegende Mechanismen unterstützt.

Insgesamt gibt es Beweise in allen drei zu berücksichtigenden Bereichen. Eine ganzheitli­che Betrachtung dieser Beweislage führt un­umgänglich zu der Schlussfolgerung, dass Gly­phosat krebserregend ist.

Doch statt entsprechend vorzugehen und unweigerlich zu diesem Schluss zu kommen, betrachten die Monsanto-finanzierten Au­toren die verschiedenen Beweislinien getren­nt voneinander, benutzen falsche Argumente, verschweigen oder verdrehen Fakten und be­haupten zugleich, dass dies ihre Schlussfol­gerungen untermauern würde“( Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017).

Literatur:

Burtscher-Schaden, Clausing und Robinson 2017: Glyphosat und Krebs: Gekaufte Wissenschaft. Die Tricks von Monsanto und der Beitrag der Behörden, um Glyphosat vor einem Verbot zu retten.

Herausgeber:  GLOBAL 2000, Friends of the Earth Austria Neustiftgasse 36, A-1070 Wien www.global2000.at