Juni

Kostenabbau ohne Verstand

Nachdenken über das „Produkt Bahn“

„… gerade das, was ältere Menschen brauchen, Sicherheit, Zuverlässigkeit und einfachen Zugang hat die Bahn in den letzten Jahren mit fast schon gezielter Boshaftigkeit abgebaut. Den schlimmsten Beitrag leistete der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, der mit Zugbindung und Reservierungszwang den Kunden determinieren wollte und der den Abbau der Verkaufsschalter begann.

Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube sieht einen Teil dieser Fehler ein, aber auch er hat statt Technikern Betriebswirte an seiner Seite, die Kostenabbau ohne Verstand betreiben. Die Verkaufsstellen der Bahn weisen das aus dem Arbeitsamt bekannte System des Nummernwartens auf. Die Öffnungszeiten des ‚Komfort-Schalters‘, wenn überhaupt vorhanden, werden nicht publik gemacht, die Automaten sind immer noch ein Desaster, wo bei der Eingabe der Kreditkarte ein Absturz droht und man alles von vorn beginnen darf. Welches Kaufhaus könnte überleben, wenn am Eingang erst einmal eine Nummer ausgegeben würde, bevor man reinkommt? …

Was ist es denn, was die Bahn auszeichnet? Sie könnte ein attraktives System sein, das uns morgens ohne Stau zur Arbeit bringt, die Straßen entlastet und das in der Tat mit Sicherheit, Zuverlässigkeit, Ökologie, Komfort, in der ersten Klasse vielleicht sogar mit Luxus und vor allem Kundenfreundlichkeit überzeugt. Es müsste den Beschäftigten dort Spaß machen, mit den Reisenden zu kommunizieren, Freundlichkeit, die auf der Autobahn nicht zu finden ist, könnte in den Zügen Prinzip werden. Dabei müsste auch der offensichtliche Stress der Beschäftigten abgebaut werden, auch wenn das Geld kostet….

Die Perspektive des Kunden muss … wieder in den Blick kommen, der nicht ‚Belastung‘ ist, sondern sich im Bahnsystem sicher und ohne dauernde Unsicherheit bewegen kann. Oft von mir erlebte Fehlansagen der nächsten Haltestelle, … darf es nicht mehr geben…..

Die Bahn kann mich auch ohne Autobesitz ans Ziel bringen, das ist ein Wert, der völlig vergessen wurde und der dazu führte, Nachtzüge und späte Verbindungen „einzusparen“. Diese mögen für sich allein nicht rentabel sein, führen jedoch zu einen attraktiven Gesamtsystem und werden aktuell von der Konkurrenz mit den Bussen entdeckt.

Ein gutes Bahnsystem hat einen hohen gesellschaftlichen Nutzen – der als Wert auch im Marketing kommunizierbar wäre – und auch den Bahnern selbst wieder so etwas wie ‚stolz‘ auf ihre Tätigkeit vermitteln könnte. Ohne eine – gemeinsam von Beschäftigten und Leitung der Bahn – erarbeite Strategie und ein Zukunftsbild wird es nach einem Streik nicht viel besser werden als während eines Streiks und der Konflikt nur weiter schlummert statt gelöst werden. Nicht nur die DB-Leitung muss sich bewegen, auch die Bahner selbst müssen initiativ werden. Der IG Metall-Mann Huber könnte nicht gegenwärtig bei VW führen, wenn diese Gewerkschaft nicht schon vor 20 Jahren auch über das Produkt ‚Auto‘ nachgedacht hätte. Das Produkt Bahn, das wir für einen ökologischen Transport dringend brauchen, hat nur eine Chance, wenn nach dem Streik auch die Debatte um eine neue Zukunft beginnt.“

Auszüge aus einem Gastbeitrag von Helmut Holzapfel in der online –Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 20. Mai 2015 (www.fr-online.de/gastbeitraege). Helmut Holzapfel ist Verkehrswissenschaftler an der Universität Kassel. Dort leitet er als Professor das Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung/Mobilitätsentwicklung.