Dezember

Für eine glaubwürdige Initiative zum Status quo

„… Natürlich ist es ein Skandal, dass es wieder „Suppenküchen“ braucht, auch wenn sie heute „Die Tafel“ heißen. Dass man ein Leben lang arbeitet, und dann kaum 800 Euro Rente bekommt und beim Arzt gefragt wird, ob man privat versichert sei. Findet man über ein Jahr lang keine Arbeit, verliert man praktisch alles Ersparte und Erarbeitete, bevor es wieder staatliche Unterstützung gibt. Und dann bekommt man auch noch Umfragen unter die Nase gerieben, in denen eigentlich alle ziemlich zufrieden sind mit ihrem Leben – von Existenzängsten mal abgesehen. Dabei können eigentlich heute nur jene halbwegs ohne Existenzangst leben, die ordentlich erben oder Familien, in denen zwei Mitglieder überdurchschnittlich verdienen.

Der Selbstdemontage des Sozialstaates steht die ideelle Selbstdemontage des Westens gegenüber. Durch den Wegfall des östlichen Widerparts verstummte allmählich auch die Kritik am eigenen System. Dafür gab es entweder das „Ende der Geschichte“ oder den „Kampf der Kulturen“. Beides eignet sich bestens dazu, um unsere Welt als die beste aller Welten zu definieren, in der der Existenzkampf jedes Einzelnen, Marktgläubigkeit, Privatisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche wie auch die westliche Hegemonie in der Welt als selbstverständlich und segensreich vorausgesetzt werden. Die Vision Europa, die selbstaufklärerisch kritisch hätte ausfallen müssen, verkam nicht zuletzt durch Mithilfe des Europäischen Gerichtshofes zur neoliberalen Quasi-Verfassung, in der alles dem Markt untergeordnet wird, ganz zu schweigen davon, was EU-Subventionen und neokoloniale Kredit- und Handelsabkommen vor allem im südlichen Teil der Welt anrichten.

Es geht um eine glaubwürdige Alternative zum Status quo. Es geht nicht darum, auf die AfD zu reagieren, sondern sich endlich der Dinge anzunehmen, die in der besten aller Welten im Argen liegen und worunter sowohl die sozial Schwachen im eigenen Land als erste leiden wie auch insgesamt der Süden unter der Ausplünderung durch den Norden.“

 

Aus: „Im Osten zeigen sich die Probleme nur früher“ von Ingo Schulze in der Frankfurter Rundschau vom 9. Oktober 2017

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, ist Schriftsteller. Bekannt wurde er mit „33 Augenblicke des Glücks“, Erzählungen, und „Simple Stories. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz“. Jüngst ist von ihm erschienen: „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ (Fischer).