August

Innovation und Exnovation

Wie das Alte das Neue blockiert

„Ob bereichernde Ideen fruchten, hängt davon ab, inwieweit wir bereit sind, uns von alten Ideen zu lösen.

Dafür gibt es sogar ein Wort, es lautet Exnovation, es ist das Gegenteil von Innovation.

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Wir können nicht aufhören mit dem Nichtaufhören

Die Innenstädte stehen gerade leer, wir finden es total innovativ, ein paar Fahrradstreifen dahin zu malen. Aber ohne, dass wir uns dazu bewusst von der Idee zugestellter, zugeparkter, emissionsverseuchter, lärmender Innenstädte, also ungezügeltem Autoverkehr verabschieden, bleiben Pop-up-Lanes ein weiterer Verdichtungsfaktor überfüllter Verkehrsräume. Auch deshalb gibt es keine Mobilitätswende, sondern einfach immer mehr Verkehr.

Gegen Innovation hat Exnovation keine Chance, mit neuen Ideen machst du dir Freunde, ausmisten möchte niemand. Auch lässt sich das nicht verkaufen, das wählt niemand. Das versteht man auch in der Politik (mittlerweile). Deshalb gibt es in Kantinen vegetarische Angebote und keine fleischfreien Tage, deshalb fördert man Frauen, aber hört nicht auf, Abtreibungen zu kriminalisieren, deshalb bekennt man sich zu Friedensbemühungen, aber liefert weiterhin Waffen in die Regionen. So sind Suffizienz-Konzepte zum Scheitern verurteilt; um weniger zu machen, müsste man mit irgendwas in großem Maße aufhören.

Und auch mit dem Nichtaufhören können wir nicht aufhören, weil wir uns nicht nur schwertun, Goodbye zu Maschinen und Gesetzen zu sagen, sondern auch zu politischen Gewohnheiten. Um nicht endgültig mit irgendwas aufzuhören, sind wir bereit, (fast) alles zu tun. Und weil Bewährtes mächtiger ist, bleiben die guten neuen Ideen ein Beiwerk, zur dröhnenden Normalitätsmaschinerie, die in ihrer rücksichtslosen Sperrigkeit den Gegenwartsraum einnimmt.

Die teure Wiederbelebung einer maroden Wirtschaft

Genau dieser Mechanismus verhindert, dass aus Corona-Politik mehr wird als eine sehr teure Wiederbelebung einer maroden Wirtschaft. Man erhält alles, was es schon lange gab. Und hat irgendwer eine neue Idee, verspricht man im besten Falle noch mehr Geld, wir wollen ja Innovationen fördern. Auf die Idee aber, dass Innovationen Platz brauchen, kommt man nicht, und wenn doch, expandiert man nach oben (Flugtaxen), nach unten (Fracking) oder nach rechts und links (gestatten, Exportnation). Deshalb wird das coronabedingte Konsumtief nicht als erster Schritt Richtung zukunftsfähiges Einkaufsverhalten gewertet, sondern als Aufforderung verstanden, über Einkaufsgutscheine zu fantasieren. Hier wird nicht aufgehört, hallt da mit, auch nicht mit dem Überflusseinkaufen. Deshalb verspricht man veralteten Industrien Milliarden, statt zu überlegen, ob die künstliche Arbeitsplatzsicherung nicht spätestens jetzt ein Ende finden sollte, um die Türen zu öffnen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Meinetwegen können wir das auch Lebensinnovationsprämie nennen.“

Auszüge aus „The Long Goodbye“ von Luisa Neubauer in taz FUTURZWEI vom 9.6.20