November

Der Angriff auf Vernunft und Gemeinsinn

„Alle diese Lügen, auch wenn ihre Urheber sich dessen nicht bewusst sind, sind potenziell gewaltsam“, schrieb die Philosophin Hannah Arendt in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“, das erstmals 1967 in der amerikanischen Zeitschrift The New Yorker erschien.


Der amerikanische Präsident Donald Trump beherrscht das gesamte Repertoire an Lügen. Er prahlt, er täuscht, er manipuliert und er diffamiert. Manchmal lässt sich nicht einmal mehr sagen, ob Trump seine Lügen selbst glaubt, ob es überhaupt die äußere Realität als Bezugsgröße für ihn gibt, ob er seine Aussagen noch meint abgleichen zu müssen mit beobachtbaren, überprüfbaren Daten und Fakten. Oder ob für diesen Präsidenten nichts als sein eigenes Wünschen und Wollen als objektiv zählt. Gewiss ist nur, Trump setzt die Lüge über echte oder eingebildete Gegner so systematisch ein, dass die maliziöse Absicht nicht zu verbergen ist. Das Unwahre, was Trump über Menschen verbreitet, denen er schaden möchte, wird noch gepaart mit pubertärem Spott und ausgewachsenem Hass.
Vordergründig versehren diese Lügen und Hetze vor allem die Personen, die sie treffen ….

Aber die Lügen versehren langfristig noch mehr: Sie zerstören den Begriff einer geteilten Wirklichkeit. Dass zu Trumps ersten Reaktionen auf die Briefbombenanschläge, die auch die Redaktion von CNN trafen, eine erneute Attacke gegen die „feindseligen Medien“ gehörte, ist so schamlos wie konsequent. Denn zu den journalistischen Aufgaben gehört es, Wahrheit von Lüge, Wissen von Vermuten, Information von Verschwörungstheorie zu unterscheiden. Das mag nicht immer perfekt gelingen. Es mag immer wieder Fehler, Irrtümer und menschliches Versagen geben. Aber zweifellos gehören die Recherche, das Suchen nach Quellen, nach Belegen, nach Gründen für eine Aussage oder ein Argument zu jenen Aspekten journalistischer Arbeit, die alle Autokraten besonders verachten, denn darin geht es um eine Wirklichkeit jenseits ihrer radikalen Subjektivität.
……

Kaum etwas irritiert diesen Präsidenten mehr als Personen, die sich so etwas Verdächtigem wie der Wahrheit verpflichtet fühlen oder dem Gesetz. Das hat er mit anderen autoritären Regimen weltweit gemein: Methoden der Wissensproduktion, öffentliche Organisationen, die der Aufklärung dienen, alles, was unabhängig und frei dem kritischen Verstehen von sozialen, politischen, ästhetischen Phänomenen gewidmet ist, alles, was sich dem totalen Zugriff der präsidentialen Imagination entzieht – wird dämonisiert. Es ist dieser Terror, der Angriff auf Vernunft und Gemeinsinn, den es abzuwehren gilt.

Aus der Kolumne „Zerstörerisch“ von Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung vom 27./28. Oktober 2018