Keiner rettet sich allein

Denkanstöße durch die Coronakrise

„Keiner rettet sich allein“. Diesen Satz sagte Papst Franziskus in seinem Segen zur Coronakrise. Ich finde, den sollten wir verinnerlichen und uns bewusst werden, wie sehr wir alle auf andere angewiesen sind.

Die weltweite Pandemie, die uns alle betrifft, ist ein Ereignis, das zum Innehalten und Nachdenken auffordert. Wir müssen uns fragen, ob da nicht schon länger einiges schief läuft. Ein Schlaglicht hat Corona auf die Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie geworfen, wo in einer Fabrik von Westfleisch in Coesfeld 230 Mitarbeiter erkrankten. Es handelt sich um Osteuropäer, die in Sammelunterkünften dicht aufeinander hocken. Ähnliche Zustände gibt es in Unterkünften für Erntehelfer und für Geflüchtete.

Was in unserem Gesundheitswesen schiefläuft, brachte Pauline Voss in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 25. April so auf den Punkt: „dass die deutsche Regierung ihre Pflicht zu gesundheitlicher Vorsorge so vernachlässigt hat, als lebten wir in einem Entwicklungsland“.

Krankenhäuser wurden privatisiert. Die privaten Krankenhauskonzerne investieren viel in Apparate und Ärzte aber wenig in Pflegepersonal. Im Gegenteil: Tarifverträge werden gekündigt, Gehälter reduziert, Arbeitszeiten verlängert, Stellen abgebaut. Und die Stellen, die es noch gibt, sind so unattraktiv, dass zu wenige Menschen sich auf sie bewerben. Inzwischen gesteht die Branche ein, dass nicht für alle Krankenhausbetten auch Pflegekräfte da sind.

Überholte Maxime: Alles muss sich „rechnen“

Die verhängnisvolle Maxime, die nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten ihren Siegeszug angetreten hat, lautet: „Alles, aber auch wirklich alles muss, sich rechnen.“ Der Staat muss sich aus immer mehr Bereichen zurückziehen, auch aus der Daseinsvorsorge. Die „Märkte“ verstehen dieses Geschäft besser.

Dazu ein weiteres Schlaglicht:

Die Stammzusteller bei der Post werden immer seltener. Das Unternehmen will sparen, indem es die BriefträgerInnen flexibel einsetzt, daher wechseln diese in einem bestimmten Bezirk häufig. Entsprechend wenig kennen sie den Bezirk und schicken etwa die Post einfach zurück, wenn in der Anschrift die Hausnummer fehlt oder nicht korrekt ist. Für allein wohnende, vor allem ältere Menschen war der tägliche Besuch der Zusteller ein wichtiger Kontakt. Sein Fehlen durch den Verlust des Stammzustellers verstärkt die Einsamkeit und erleichtert etwa Trickbetrügern den Zugang zu solchen Haushalten. Die Post beschäftigte sich lange mit einem Projekt „Post persönlich“. Da sollte der Zusteller klingeln und sich nach dem Befinden erkundigen – gegen Aufpreis. Meines Wissens wurde das Projekt wegen rechtlicher Schwierigkeiten nie Realität – aber es ist nicht nur rechtlich schwierig. Persönlichen Kontakt gegen Bezahlung – geht’s noch?

Gemeinwohlökonomie als neue Normalität

Vertreter der Politik, der Auto- Luftfahrt- und Ölindustrie sehnen eine „Normalität“ wie vor Corona herbei. Aber eine solche „Normalität“ darf es nicht geben. Vielmehr ist ein Neuanfang unabdingbar:

Konkret sollten wir uns folgende Fragen stellen:

Was brauchen wir wirklich?

Wie erzeugen oder von wo beschaffen wir das Notwendige? Die Wirtschaft muss eine „Gemeinwohlökonomie“ werden, in der die zum Leben notwendigen Güter ohne Verletzung der Menschenrechte und ohne Schädigung von Umwelt, Gesundheit und Klima gewonnen werden.