Mai

Alexis Sorbas und der Austerizid

„… Der Soziologe Max Weber hat beschrieben, wie britische, niederländische und später US-amerikanische Puritaner das System der absoluten Unterordnung aller Lebensaspekte unter die Gewinnanhäufung erfanden und wie dieses System bald den Alltag jedes Einzelnen in der Industriegesellschaft prägen sollte….
Der Süden Europas stellte sich dieser Konkurrenz gar nicht erst. Dort definierte man sich … eher durch sozialen Kontext als durch beruflichen Erfolg… Man erwirtschaftete auf den kargen Böden ebenso viel, wie man brauchte, um satt zu werden….
Anfangs machten nördliche Reisende sich über die Rückständigkeit lustig, doch mit fortschreitender Industrialisierung verkitschten sie die vermeintlich entspanntere Haltung des Südens zum Leben zu einer Alexis-Sorbas-Romantik….
Seit Einführung des Euro wird den Südländern die früher so idealisierte Lebenseinstellung nun vorgehalten, man beschuldigt sie, sie hätten sich den neuen Wohlstand nicht leisten können. Dabei war die Angleichung des Lohnniveaus und der staatlichen Sozialsysteme in der EU … .ausdrücklich erwünscht – man hoffte, Konsumenten für nördliche Exporte heranzuzüchten. Doch die Erwartung, der Konsum würde jahrhundertelang gewachsene strukturelle Unterschiede egalisieren, hat sich als trügerisch erwiesen – ebenso wie nun die Hoffnung, man könne diese Unterscheide durch eine Spar-Rosskur beseitigen.
Das Gegenteil ist der Fall. Seit dem Zusammenbruch der staatlichen Sozialsysteme muss im Süden wieder die Familie als Krisenkorrektiv herhalten. … so lange das so ist, werden Länder wie Griechenland die Nachteile des Familialismus, nämlich Korruption und Nepotismus, nie beseitigen können, allen Reformpapieren zum Trotz. Der Clan wirkt … wie die letzte Rettung vor dem Austerizid, dem Tod durch Sparen.“

Auszüge aus dem Beitrag „Mediterraner Kapitalismus“ von Sebastian Schoepp in der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. März 2015